Wir zeigen ausgewählte Filme zu (fehlenden) Orten des Erinnerns, Flucht und Migration und fragen nach Zusammenhängen von Geschichte und Raum sowie den Auswirkungen nationalsozialistischer und rechter Gewalt bis heute. Für drei Tage aktivieren wir die teils leerstehende ehemalige Schule als einen Raum zum Filme schauen, Zuhören und gemeinsamen Austausch.

Freitag 17.04.

19:30 – Das Deutsche Volk von Marcin Wierzchowski, D 2025, 132 min (dt. OF)

In der Nacht des 19. Februar 2020 erschießt ein Attentäter in Hanau neun junge Menschen aus rassistischen Motiven. Zurück bleiben Familien, Freund*innen und Überlebende, deren Leben sich unwiderruflich verändert hat. „Das Deutsche Volk“ begleitet sie über mehrere Jahre hinweg. Aus der Perspektive der Betroffenen entfaltet sich ein vielschichtiges Bild einer Gesellschaft, die mit rechter Gewalt ringt. Der Film verzichtet bewusst auf die Reproduktion der Täterperspektive und schafft stattdessen Raum für Erinnerung, Widerstand und Selbstermächtigung. „Das Deutsche Volk“ ist ein politisches und zugleich zutiefst persönliches Dokument über Verlust und Solidarität.

Trailer: https://vimeo.com/1084586800?fl=pl&fe=vl

Samstag 18.04.

16:00 – Nacht und Nebel von Alain Resnais, F 1955, 32 min (dt Fassung, Text: Paul Celan)

Der Film Nacht und Nebel des französischen Nouvelle Vague Regisseurs Alain Resnais gilt als eine der gelungensten KZ Dokumentationen überhaupt. Mit Archiv-, Foto- und Filmmaterial zeigt er Entstehung, Alltag und Vernichtung in den Lagern sowie schließlich die Befreiung durch die Alliierten. Als filmisches Kunstwerk verbindet er eindringliche Bilder mit Musik von Hanns Eisler und Texten von Jean Cayrol und Paul Celan. Der Film macht deutlich, wie mittels der Montage die Dialektik von Vergangenem und Gegenwärtigem sichtbar wird, so dass das Dokumentarische sich zum Essay wandelt.

Mit einem Vortrag von Thomas Tode.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=B_65XCEaFlo&t=79s

17:30 – Vier Schwestern von Claude Lanzmann F 2018, 247 min Teil 1: „Der Hippokratische Eid“, Gespräch mit Ruth Elias, 89 min (engl. OF, ohne UT)

Aus der Reihe “Vier Schwestern” von Claude Lanzmann zeigen wir das Gespräch mit Ruth Elias. Sie wurde nach der Besetzung der Tschechoslowakei verfolgt, 1942 nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert. Im Juni 1944 wurden dort 1500 Frauen ausgewählt („selektiert“) und zur Zwangsarbeit nach Hamburg zur Trümmerbeseitigung geschickt. Sie war dort u.a. am Dessauer Ufer, dem größten Frauenaußenlager des KZ Neuengamme, interniert. Ruth, zu dieser Zeit schon im achten Monat schwanger, gelang es, in diese Gruppe aufgenommen zu werden, was zunächst ihre Rettung war. Doch die junge Frau wird als Schwangere erkannt und nach Auschwitz zurückverfrachtet, in die furchtbare Obhut des KZ-Arztes Josef Mengele, mit katastrophalen Folgen.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Gmo2LGh3MGc

20:15 – Das Gelände von Martin Gressmann, D 2015, 93 min (dt. OF)

Eine Langzeitbetrachtung in 35mm-Breitbild über eine Brache im Berliner Regierungsviertel, ein Gelände an der Mauer, der ehemaligen Sektoren- und innerdeutschen Staatsgrenze. Ein Stück Stadt, wie mit einem Fluch belastet: Zentrale der Gestapo und der Reichsführung SS. Hier wurden der Terror und der Völkermord in Europa 1933-1945 geplant, verwaltet und von hier wurde er ausgeführt. In 27 Jahren (1986-2013) verändert sich das Umfeld, doch bleibt das Gelände schwer erfassbar, schwierig zu gestalten. Versuche des Umgangs werden gewagt und wieder verworfen. Eine lange Zeit der Provisorien endet 2010 mit dem Bau eines vielbesuchten Dokumentationszentrums.

Trailer: https://www.das-gelaende.de/trailer.html

Sonntag 19.04 

18:00 Purple Sea von Amel Alzakout & Khaled Abdulwahed D 2020, 67 min (OF mit dt UT)

Sonnenschein, strahlend blauer Himmel. Das Meer ruhig, gerahmt von einem Stück Reling. Ein friedlicher Moment, stünde das Meer nicht vertikal wie ein Wasserfall. Menschen im Boot, im Wasser, Schreie, Schwimmwesten, Signalpfeifen. Kein Horizont mehr, kein Himmel, kein oben und unten, nur Tiefe und kein Halt. Auch die Zeit folgt keiner Richtung, sie zieht sich zusammen zu einem brutalen Jetzt. Sie filmt und spricht. Zu ihrem Mann, zu sich selbst, vielleicht zu uns. Fuck you all! Sie spricht, wütet und filmt gegen die Müdigkeit an, gegen die Kälte, gegen die ausbleibende Hilfe. Gegen das Sterben, damit irgendwas bleibt.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=nRqZMHoITKA

19:45 Only Ghosts in the Waves von Alexander Tank & Tobias Scharnagl, S 2025, 68 min ****Deutschlandpremiere**** (OF mit eng UT)

Enrico Naso ist Totengräber auf Lampedusa. Immer wieder wird er mit dem Tod konfrontiert, der überall auf diesem einsamen Felsen im Mittelmeer lauert. Er entscheidet sich für das Leben und lässt uns an seinen tiefen Gedanken darüber teilhaben, was das Menschsein bedeutet. Fernab der Bilder und der Medien unserer Zeit, im täglichen Handeln, im Glauben, in den Liedern und den Wellen, bewahrt er sich seine Menschlichkeit.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=VoFcWiIa10E


Content Note: In den Filmen und Gesprächen dieses Programms geht es um Gewalt, um rassistische Anschläge, nationalsozialistische Verbrechen, Flucht und Erfahrungen von Lebensgefahr und Verlust. Das kann belastend sein. Achtet bitte gut auf euch selbst: Ihr könnt jederzeit den Raum verlassen, Pausen machen, wieder dazukommen. Uns ist wichtig, dass wir hier gemeinsam einen respektvollen Raum für ein wohlwollendes Miteinander schaffen.

Initiative Dessauer Ufer & Hallo: Verein zur Förderung raumöffnender Kultur e.V.